ALL THE MINISTER´S MEN
Ich arbeitete an diesem Projekt sieben Jahre lang. Primär wollte ich mich mit der Unsichtbarkeit der Machtmechanismen auseinandersetzen und die Welt hinter den Kulissen der Regierung beleuchten; denn dort sitzen die Leute, welche die Machthebel betätigen, und doch sehen wir sie nie.
Es war mir wichtig zu zeigen, dass politische Entscheidungen von einer ganzen Gruppe von Leuten geschmiedet werden, obwohl am Ende nur eine Person gegen Außen die Entscheidung fällt. Die ursprüngliche Idee liegt in der Beziehung zwischen dem ersten Privatsekretär und dem Minister. Der EPS verkörpert den Mann, welcher nie irgendwelche Medienaufmerksamkeit auf sich zieht, selbst wenn er sich die Hände schmutzig macht. Es ist also nicht so sehr ein Film über "All the President´s Men", sondern über "All the Minister´s Men".
DAS FUNKTIONIEREN DER MACHT
Mich interessierten nicht so sehr das Streben nach Macht oder der Machterwerb oder das Innenleben einer bestimmten politischen Partei. Mich faszinierten eher die inneren Mechanismen einer Regierung und die ministeriellen Funktionen. Ich fokussierte nicht auf reale Politiker, weil ich merkte, dass dies für mein kreatives Arbeiten nicht förderlich war. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die harten Realitäten der alltäglichen politischen Kuhhändel.
Auch wollte ich zeigen, dass Politiker heute in einem wilden Wirbel gefangen sind. Die Gesellschaft ist komplex geworden. Wir alle – auch die Politiker – sind gesättigt in einer von Technologie und Medien besessenen Welt, davon bin ich überzeugt.
DIE TRAUMSEQUENZ
In der Traumsequenz beschreibe ich, was für eine Person Saint-Jean ist. Er wird buchstäblich von seiner Arbeit heimgesucht, steht mitten in der Nacht auf, um den Ort eines Verkehrsunfalls aufzusuchen, wo Kinder umgekommen sind. Ein derartiger Akt wird von einem Politiker im Auge der Öffentlichkeit erwartet. Die Traumsequenz hilft dem Zuschauer, besser zu verstehen, wie emotional belastend die Arbeit eines Ministers sein kann: Ich wollte, dass der Zuschauer die Angst und Einsamkeit dieses Mannes mitfühlen kann.
 
RECHERCHE & DREHBUCH
Ich gab mir große Mühe, mich mit der Thematik und der Materie im Vorfeld auseinanderzusetzen. Ich las zahlreiche Bücher und durchkämmte viele Zeitungsartikel. Auch sammelte ich etwa 300 Bilder von Politikern, um mir buchstäblich ein Bild vom Minister zu machen. Bei der Entwicklung des Drehbuchs arbeitete ich mit drei Leuten, die in Ministerialbüros angestellt waren. Sie verfassten das Szenario nicht selber, aber sie gaben mir stets ein Feedback zum provisorischen Script und brachten so ihr Know-How ein. Die Szene mit EPS Woessner war zum Beispiel direkt inspiriert durch die Erfahrungen einer dieser Männer, der nach seiner Arbeit als Regierungsbeamter in den Privatsektor gewechselt hat.
BEZIEHUNGEN ZWISCHEN HERRN UND SKLAVEN
Im Film sind Dominanz und Unterwerfung zentrale Motive. Jede Person dominiert jemanden und wird wiederum von einem andern dominiert, bis hin zur Schlusssequenz, in der sich alle im Büro des Präsidenten einfinden. Unterwerfung durchdringt den Film, aber niemand will seinen Zorn zeigen oder die Selbstkontrolle verlieren.
Temperament ist Teil der Politik, Rat eines Insiders und Unterstützung eines Kollegen sind nie verlässlich. "Think positive" scheint das Motto in Ministerialbüros zu sein: Berater müssen den Minister immer mit positiven Gedanken und beruhigenden Worten stützen.
MINISTER SAINT-JEAN
Ich hatte zwei Optionen: Ich konnte Saint-Jean entweder als rechtschaffenen Mann - wie Séguin, Mendès-France or Rocard – charakterisieren, oder als Zyniker, der schon viel zu lange im Amt ist. Ich stellte ihn als Mann dar, der gerade sein politisches Handwerk lernt. Am Anfang dient er dem Gemeinwohl, nicht seinem eigenen Wohlergehen; oder zynischer gesagt, zuerst dient er der Sache seiner Partei und der Regierung. Später gewinnt er eine gewisse Unabhängigkeit und Freiheit.
Saint-Jeans Unfall verändert ihn. Wenn man dem Tod so nahe kommt, ändert man sich unwillkürlich. Plötzlich wird ihm klar, dass sein Chauffeur ein Mensch ist, obwohl er sich nicht im Geringsten für diesen Mann, der ihn die letzten Wochen gefahren hatte, interessierte. Während dieser "unsichtbare" Mann stirbt, ist Saint-Jean an seiner Seite. Zwischen ihnen beiden findet ein fast spiritueller Austausch statt. Saint-Jean bleibt für immer von dieser Erfahrung gezeichnet.
 
DIE LAST DER PFLICHT
Ich befasste mich intensiv mit der Idee der Privatisierung der Eisenbahnstationen, obwohl ich im Film nicht allzu sehr auf die einzelnen technischen Details eingehen konnte. Aber es fiel mir ein interessanter Aspekt ein, welche die Reform und ihr Timing beschrieb: Es wurde mir bewusst, dass jede größere Reform die Ernennung einer neuen politischen Persönlichkeit voraussetzt, welche die betreffende Reform durchführt. Dies ist eine Strategie der Macht.
Im Übrigen war es anregend, einen Mann mit seinen eigenen Überzeugungen zu ergründen – nämlich Saint-Jean. Wenn er vom Projekt nicht überzeugt ist, bleibt es dennoch seine Pflicht, es gegen alle Widerstände zu verteidigen.
ÜBER DIE BESETZUNG
Olivier Gourmet brachte sich auf außergewöhnliche Weise in den Film ein. Er porträtierte den Zorn und die Kameradschaft perfekt. Seine Darstellung wirkt immer echt. Seine Körpersprache ist sehr intensiv. Ich brauche diese Eigenschaften bei einem Schauspieler. Als er das Drehbuch zum ersten Mal las, fühlte ich sofort, dass er die eindeutige Wahl für die Rolle sein musste. Olivier Gourmet spielte seinen Part folgerichtig, und die Zuschauer werden sich hoffentlich in seine Darstellung so einfühlen, wie ich es tue.
Die Dinge liefen etwas anders mit Michel Blanc. Eigentlich hatte er schon lange die Rolle eines politischen Beraters spielen wollen. Plötzlich hatte er die Gelegenheit dazu. Es war erstaunlich, dass seine Darstellung der Figur in meiner Vorstellung entsprach. Er füllte die Person des Gilles von Innen her aus. Es war großartig.
Für Martin Kuypers, der arbeitslos als Fahrer des Ministers eingestellt wird, wollte ich einen Laiendarsteller, der nie in einem Film gespielt hatte. Er sollte eine grobkörnige Eigenschaft einbringen. Es war ein schwieriger Prozess und dauerte lange, bis ich Sylvain Deblé fand. Er hatte etwas Naives an sich, das ich sehr schätzte. Gleichzeitig blieb er sich selber. Auch die Rollen der Leibwächter besetzte ich mit Laien.

REGISSEUR UND AUTOR PIERRE SCHOELLER:

Vergessen wir für 110 Minuten rechts und links. Betrachten wir die Macht, ihre Rituale, die Temperamente, den Schweiß, das Blut, die Libido. Und den ewigen Staat. Die wachsende Kluft zwischen denen und uns in der Demokratie. Ich hatte keine Vorbilder, eher Anti-Vorbilder. Ich wollte den Zyniker vermeiden, aus Saint-Jean keinen reinen Taktiker machen - die halten sich nicht lang an der Macht. Auch keinen Gerechten, der einem Ideal folgt, bis zu dem Punkt, wo er bereit ist, seine Verantwortung in den Wind zu schlagen. Ich wollte einem wirklichen politischen Tier auf den Zahn fühlen - und so einer ist Saint-Jean, der ein Gespür für sein Handwerk hat. DER AUFSTEIGER ist ein Film über die Macht, und auch über eine gewisse Ohnmacht der Politik. Wir treffen auf die Abneigung des Volkes für ihre Führer. Die Machttrunkenkeit und den Katzenjammer des politischen Personals. Man spricht ja nicht oft davon, aber das Unbehagen der Kabinettsmitglieder, die sich fragen, welchem Zweck sie eigentlich dienen und ob sie nicht besser in der Privatwirtschaft aufgehoben wären, ist tief. Und hat mit der Unfähigkeit zu tun, die Komplexität einer immer schnelleren Welt in den Griff zu bekommen.

OLIVIER GOURMET ALS MINISTER:

Pierre sagte mir, dass er einen Film über Temperamente drehen wolle. Er sah DER AUFSTEIGER als einen Film über die Mafia, das Milieu, die Geschwindigkeit, das Adrenalin der Macht und die Frustration. Ich musste das Buch LE COUT ET LE GOUT DE L'EXERCICE DU POUVOIR von Aude Harle lesen und ich durfte Frédéric Mitterand einen Tag bei der Amtsausübung begleiten. Pierre hat mir nie verraten, ob der Minister ein Linker oder ein Rechter ist. Für die Machtlust ist das kein Unterschied. Die Soziologin hatte die Politiker befragt, was ihre erste Empfindung war, als sie die Vergoldungen in ihrem Büro entdeckten. Alle gestanden ein einzigartiges Machtgefühl. Sogar ich bekam, als ich erstmals ins Büro trat, eine Gänsehaut. Wir haben uns angewöhnt, Politiker zu verachten - ohne uns ihre Arbeitslast vorzustellen. Ich bin nachsichtiger geworden. Ein Kritiker in Cannes sagte: "Der Film ist gut, aber Gourmet ist ein Problem. Er stellt den Minister so gut dar, dass man fast Mitgefühl entwicklen könnte." Ganz im Gegenteil: Der Film ist gerecht, weil er niemanden denunzieren will. Er wendet sich auch an die politische Klasse, um ihr vorzuführen, bis zu welchem Grad sie sich in Trugbilder verrannt hat.